Der schamanische Ruf

galaxyTraditionsgemäß ist es nicht der Schamane, der seinen Weg wählt, sondern er wird ausgewählt. Versunken im Universum des Heiligen, gehorcht er einem ursprünglichen Ruf, einer Inspiration aus einer Ebene, die weit über die Objektivität dieser Welt hinausgeht. Für ihn oder sie ist der Ruf eine Aufforderung, mit der er sich unerbittlich konfrontieren muss. Es handelt sich nicht um eine Auswahl unter vielen anderen, wie man etwa heute auf dem Berufsmarkt seinen Beruf aussucht. Der Schamane hat eine starke und unverwechselbare „spirituelle Gabe“. Um sie ausüben zu können, muss er sich ohne Einschränkungen hingeben. Dies ist eine Art von Kraft, derer er sich erst in dem Maße bemächtigen wird, in dem er sich ihr ergibt.

Der Schamane ist – weit mehr denn Träger seines persönlichen Willens – ursprünglich verbunden mit einer Verpflichtung gegenüber der symbolisch-spirituellen Realität seines Volkes und gegenüber der Natur in allen ihren Dimensionen, den sichtbaren und den unsichtbaren. Mithilfe von Mythen, Ritualen und Symbolen seiner Kultur sowie auch des sich Versenkens in die Natur, wird er Schritt für Schritt in die Kunst und Weisheit seines neuen Dienstes eingeweiht.

lianenbaumVor der Initiation muss jedoch die die Eingebung kommen: eine Art Kennzeichen, das ihn mit seiner „Gabe“ erkennbar macht, muss ihm gezeigt und von der Gemeinschaft anerkannt werden. Die Zeichen sind vielfältig und verwandeln sich in initiatische Prüfungen, mit denen er beginnt, seine Macht zu erwerben. Es sind verschiedenste Arten von Erfahrungen, zumeist traumatisch, mittels derer die Gabe sich auszudrücken beginnt: schwere Krankheiten, vom Blitz getroffen werden, Bisse oder Stiche von Tieren, Nah-Tod-Erfahrungen, schwere Unfälle und andere. Was einen Schamanen jedoch von anderen Menschen unterscheidet, ist seine Fähigkeit, aus extremen Erfahrungen Kraft, Visionen und spirituelle Macht zu gewinnen und diese täglich zu nutzen. Nicht die Erfahrung an sich ist es, die jemanden zum Schamanen macht, sondern die „Gabe“, und die Macht, durch die sie entdeckt wurde.

Schamane zu werden setzt demnach bedingungslose Hingabe voraus, die den Lernenden auf den Weg der spirituellen Ekstase, des Priesteramts und der Heilung führt, auf den Weg der Weisheit und des Eintauchens in das Wissen über die Natur und die Kultur seines Volkes. Dieser Prozess setzt sowohl den Erwerb magisch-spiritueller Macht voraus, als auch die unwiderrufliche Verpflichtung, diese zum Dienste seines Stammes anzuwenden, gemäß den Vorschriften ihrer Führer und Vorfahren.

Und trotz der vielen schmerzhaften Initiationsformen und allem, was er auf diesem Weg erleben wird, weiß er, oder wird er von den anderen daran erinnert, dass er diesen Ruf annehmen muss.

Folgenden Rat gab ein alter Schamane einem seiner jungen Schüler, der sich nicht sicher war, ob er dem Weg eines einheimischen Heilers folgen sollte:

„Es ist keine von Dir getroffene Wahl. Du hast weder das Recht noch die Autorität, in die Pläne des Schöpfers einzugreifen. Lange vor Deiner Inkarnation auf dieser Erde wurdest Du erwählt, ein Heiler zu werden. Es ist Deine Pflicht und Verantwortung, diesem Ruf zu antworten. Sicherlich ist es ein sehr hartes Leben. Aber der Große Schöpfer weiß es, Mutter Erde erkennt es und auch Deine rechtmäßigen Verwandten in der Natur nehmen es wahr. Auch die verschiedenen Menschen, denen Du hilfst, die Du heilst und lehrst, werden es erkennen und vor allem das Wichtigste: Du wirst es wissen. Und wenn die entscheidenden Situationen über Dich hereinbrechen, musst Du lächeln und alles ertragen.“

Das Leben des Schamanen ist ein Leben voller Herausforderungen und harter Initiationsprüfungen; sogar dem Unverständnis oder dem Spott seiner eigenen Leute wird er ins Auge sehen müssen. Er lebt ständig an der Grenze, mit extremen Erfahrungen von Tod und Wiedergeburt. Indem er den Ruf annimmt, stimmt er zu, ein Dimensionsreisender zu sein, jemand, der eine Brücke zwischen den Toren der physischen Welt und der spirituellen Welt darstellt.

shamans-tale_bDerjenige, der in den Schamanismus initiiert werden soll, weiß dass dies nicht bloß geschieht, um persönliche Macht zu erlangen, sondern um das Fortleben seiner Tradition zu gewährleisten und so ist es eine große persönliche Ehre für ihn, sich im innersten Kern seiner Tradition zu befinden.

Ein Ruf, der den Geistern oder Vorfahren zugeschrieben wird, duldet keinen Widerspruch, denn er beruht auf der Wahrheit einer Tradition, die von Generation zu Generation übertragen und bis zum Anbeginn der Zeit bestätigt wurde.

Durch diese Auswahl und ihre Annahme verkörpert jeder neue Schamane eine Chance zur Erneuerung eines ursprünglichen Paktes, der mit den Göttern und Urahnen, den Weltgründern und Schöpfern der menschlichen Rasse und ihres Volkes geschlossen wurde.

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